»Statt lustlosem Gebrummel: Lustvolles Getrommel!«
Gesang und Bewegung im RU
Dr. Siegfried Macht ist der bundesweit erste Professor für Kirchenmusikpädagogik und an der Bayreuther Hochschule für Evangelische Kirchenmusik tätig. Damit zeigt die Hochschule Profil: Das Bayreuther Kollegium hat in den letzten Jahren Wert auf ein Leitbild gelegt, das, ohne den künstlerischen Anspruch aufzuweichen, auch die kommunikative Kompetenz im Berufsbild des Kirchenmusikers/ der Kirchenmusikerin fest verankern möchte und Vermittlungs-, Erschließungs- und Aneignungsfragen in den Mittelpunkt stellt.
Herr Dr. Macht, Castingshows wie »Deutschland sucht den Superstar« sind Hits und dabei werden Talente entdeckt, bei Schulgottesdiensten und im Klassenzimmer ist der Gesang aber häufig kläglich. Woran liegt das?
Da kommt vieles zusammen: Das mangelnde Singen in der Familie, welche Mutter singt ihr Kind noch ins Bett ..., mangelnde Singspiele der Kleinsten ..., entsprechend kein gemeinsames Liedgut, keine Erfolgserlebnisse mit vertrauten Formen. Dann die Allgegenwart der technischen Mittler, die jederzeit abrufbar sind: Ich muss gar nicht selbst singen - und die technische Sauberkeit dieser Mittler: So perfekt kann ich gar nicht singen ...
Im Klassenzimmer kommt die Angst der Lehrkräfte hinzu: Mit dem Singen, Vorsingen usw. präsentiere ich mich selbst ziemlich ungeschützt, nicht nur einen beliebigen Inhalt - das geht eben nicht in jeder Atmosphäre, nicht in jeder Gruppe. Singen stiftet Gemeinschaft, setzt aber auch eine bestimmte Gemeinschaft voraus, hier greifen zwei Richtungen sensibel ineinander.
Und wie lassen sich die Jungen und Mädchen zum Singen bringen?
Durch eine selbst von der Sache begeisterte Lehrkraft, deren Freude am Tun ansteckt, ohne dass gleich an irgendwelchen Ergebnissen gemessen wird - die sich aber andererseits auch nicht vorschnell mit lustlosem Gebrummel zufrieden gibt.
Da haben wir das nächste Problem: Ich singe nicht besonders gut, bin nicht mal besonders musikalisch. Und ein Instrument spiele ich auch nicht. Was mache ich da, um ein Lied einzuführen?
Prima, dass Sie trotzdem nach Wegen suchen! Und die lassen sich auch finden:
Sie wollen ja mit Ihren Liedern »in Bewegung bringen«. Wenn ich meinen 14-jährigen sage, dass wir jetzt tanzen, dann streiken die doch sofort ...
Also nenne ich das ganze auch nicht Tanz, sondern kündige z. B. ein Bewegungsspiel an, von dem die Parallelklasse drei Runden geschafft hat. Dann schau ich meine Pappenheimer an und frage herausfordernd: »Mal sehen, wie viel ihr schafft ...' Jetzt packt die Jungen der sportliche Ehrgeiz und wir haben eine andere Basis zusammenzukommen. So etwas klappt nicht immer, aber ich muss mir meine Ankündigungen, die Kontexte und Assoziationen schaffenden Worte bei subtilen Sachen (und dazu zählt alles Körperliche) gut überlegen.
Es kann richtig Spaß machen, Lieder musikalisch, mit Rhythmusinstrumenten zu gestalten. Aber über 30 in der Klasse, von Instrumenten kann man nur träumen - haben Sie da auch Tipps?
Sinnvoll ist die Zusammenarbeit mit dem/der Musikkollegin: Was läuft da? Wird dort gesungen? Wie eventuell begleitet? Welche Instrumente lassen sich vielleicht ausleihen, selber bauen, ist der Musikraum in der Relistunde nutzbar... ? Vergessen Sie auch nicht die körpereigenen Instrumente: Stampfen, klatschen und das in Bayern so genannte »Patschen« auf die Oberschenkel, auf den Tisch klopfen, Finger schnipsen - damit kann man bei Bedarf eine ganze Rhythmusgruppe ersetzen.
Neugierig geworden?
Drei Tipps, die Sie musikalisch in Bewegung bringen:
März 2003
Das Interview führte Julia Born